Geistlicher Impuls zum Juni

"Ja oder Nein? Richtig oder Falsch? Oder: Was heißt die Wahrheit sagen?"

Impuls

Der geistliche Impuls für den Monat Juni ist die Mittagsandacht, gehalten von Karl-Heinz Pitz und Pastorin Anja Vollendorf im St. Petri Dom, Bremen, am 1. Juni 2021

Karl-Heinz: Guten Tag, mein Name ist Karl-Heinz Pitz, ich arbeite seit 40 Jahre als Mathematik-Lehrer. In der Mathematik ist es so, dass alles einer bipolaren Logik gehorcht, d.h. ein Ergebnis ist entweder richtig oder falsch. Dazwischen gibt es nichts.

Aber je älter ich werde, desto mehr denke ich, dass das Leben aus noch mehr Nuancen besteht und eben nicht alles in wahr und falsch eingeteilt werden kann.

Anja: Das ist sicher so: Manchmal gibt es ganz wichtige Graustufen im Leben. Ethische Fragen beantworten wir oft erst einmal ganz mutig mit Ja oder Nein. Wir wollen ja ganz mitmenschlich leben und teilen. Aber wenn es dann konkret wird, sind wir uns doch eher selbst der Nächste. Ein Beispiel: Deutschland will 30 Millionen Impfdosen an ärmere Staaten spenden. Das finden viele Menschen sicher gut. Dafür hätten aber in der Zeit, als der Impfstoff für uns selbst in Deutschland zu knapp war, vermutlich nur ganz wenige Menschen Verständnis gehabt. Ich denke, dass wir uns manchmal einfach für etwas entscheiden müssen, Ja oder Nein sagen müssen, auch, wenn wir nicht wissen, ob es richtig oder falsch ist. Oder, wenn wir wissen, dass es unpopulär ist.

Karl-Heinz: Das habe ich ja auch gar nicht in Abrede gestellt. Darf ich mal einen kurzen Absatz aus einem Buch von Alexander Poraj, dem spirituellen Leiter des Benediktushofs bei Würzburg mit dem Titel: “Geld oder Leben – Was uns wirklich zufrieden macht“ vorlesen:

„Als Erstes sollten wir uns bewusst werden, dass unser Denken nichts lieber tut, als Gegensätze zu kreieren.(…) Diese Art des Denkens folgt einer Tradition und ist damit alles andere als gottgegeben, von Natur aus richtig oder etwa genetisch angelegt. Allen voran war es Aristoteles, der das Denken unbedingt dahin disziplinieren wollte, damit es ausschließlich widerspruchsfreies Wissen hervorbringt. Diese Art des Wissens nennen wir seitdem Wissenschaft und die Disziplinierung des Denkens Logik. Die am weitesten verbreitete Logik ist die bipolare, die in Gegensätzen denkt und sich in der Regel für eine der Seiten zu entscheiden hat. Demnach ist die Wahrheit gut und die Lüge schlecht. Es kann nämlich nicht sein, dass Wahrheit schlecht wäre und die Lüge gut.

Wir könnten aber auch andere Regeln gelten lassen, wie z.B. die Sowohl-als-auch- oder die Weder-noch-Regel, nur dann wären unsere Kriterien für die Beurteilung der Ereignisse um ein Vielfaches komplexer, und vermutlich genau das wollten Herr Aristoteles und die ihm nachfolgenden Wissenschaftler vermeiden.“

Anja: Wir neigen sicher dazu, komplexe Fragen auf Ja oder Nein zu reduzieren, wenn wir das gar nicht müssen. Und doch gibt es Situationen, in denen zum Beispiel eine offensichtliche Lüge Leben retten kann. Dietrich Bonhoeffer hat das in seinem Aufsatz „Was heißt die Wahrheit sagen?“ beschrieben. Stell Dir vor, Du lebtest in der Zeit des Nationalsozialismus. Du hast in Deiner Wohnung einen Juden versteckt. Es klingelt an Deiner Tür. Du öffnest. Vor der Tür steht die Gestapo. Was sagst Du? Hier wohnt kein Jude, wäre nach der aristotelischen Logik eine glatte Lüge. Und doch wird Deine Lüge zur Wahrheit, wenn sie einen Menschen rettet, denn Du weißt, dass die Gestapo was verlogen Falsches getan hätte, nämlich getötet.

Karl-Heinz: Mir geht es nicht darum, mich vor notwendigen Entscheidungen zu drücken. Ich spreche über die Entscheidungskriterien: Sollten die immer der Ratio, der Vernunft gehorchen – was auch immer das sein mag – oder lasse ich es auch mit einem guten Gefühl zu, dass mal mein Bauch oder mein Herz entscheidet, ohne dass ich diese Entscheidung sofort in rationale Argumente fassen kann.

Anja: Ja, aber das Gefühl kann uns so oft täuschen. In der Tageslosung für den heutigen Tag findet sich ein Wort aus dem Lukas – Evangelium, Kapitel 16, Vers 13:Kein Diener kann zwei Herren zugleich dienen. Er wird den einen vernachlässigen und den anderen bevorzugen. Er wird dem einen treu sein und den anderen hintergehen. Ihr könnt nicht beiden zugleich dienen: Gott und dem Geld.“ Ich würde folglich ergänzen: Ihr könnt nicht beiden zugleich dienen: Gott und einem barbarisch mordenden System. Gott und offensichtlich ungerecht verteilten Ressourcen in der Welt. Gott und dem Patentschutz für Corona – Impfstoffe. Ja, ich weiß, dass ist gewagt. Und es will durchdacht sein. Und manchmal ist es ganz schön gewagt, wenn unser Denken Gegensätze konstruiert und sich für eine Seite entscheidet. Aber es kann notwendig sein.

Karl-Heinz: Auf welche Weise durchdenken wir denn ethische Fragestellungen? Geht das überhaupt ohne Bauchgefühl? Ich glaube, dass es dringend notwendig ist, dass wir ganz gründlich über die Art von Bildung nachdenken, die wir der nachwachsenden Generation in den Schulen und Elternhäusern vermitteln. Es reicht nicht, nur Sprachen und Mathematik und das auch noch in digitalisierter Form zu lernen. Zur Bildung gehört das Gefühl der Wärme. Bildung hat für mich insofern ganz viel mit Beziehungsfähigkeit und Herzensbildung zu tun. Das gehört für mich zur ethischen Urteilsbildung unbedingt dazu.