Geistlicher Impuls

"Da wurden ihre Augen aufgetan."

Impuls

„Da wurden ihre Augen aufgetan“ Lukas 24,31

Es kann schon mal eine ganze Weile dauern, bis mir was klar wird. Manchmal sogar sieben Wochen. Oder auch länger. Auf jeden Fall leide ich. Oder ich ärgere mich. Weil ich einfach nicht verstehe. Ich sehe nicht, was die anderen daran sehen. Ich sehe nicht, was für sie wichtig daran ist.

Urlaub zu machen. Jetzt. Gleich, ob im eigenen Bundesland, bundesweit, in Europa oder der Welt. Warum fällt der Verzicht so schwer? Andere in der Welt würden gern zu Hause bleiben, müssen aber nach Fluchtwegen suchen. Da geht es ums Überleben. Wiederum andere leben hier in Bremen, suchen ein Zuhause und finden keins. Da könnten doch auch alle anderen mal ein bisschen cooler bleiben, mit ein paar Einschränkungen leben lernen. Was verstehe ich nicht? Was sehe ich nicht?

Und dann plötzlich dämmert es mir. Mir geht ein Licht auf. Ja, klar: Mal rauskommen aus dem Alltag. Abstand gewinnen. Familie und Freund*innen wohnen nicht in der Nähe. Ich finde da, wo ich gerade bin, keine Wärme und Nähe. Also will ich weg. Ich habe es satt, isoliert zu sein, mit meiner Meinung und meiner Unzufriedenheit, mit allem. Ich will weg von der Gewalt, von Stress, von Schulden, von der verbrannten Erde. Ich habe Angst zu sterben und flüchte vor den Viren. Ich habe nahestehende Menschen verloren, die gestorben sind. Ich trauere, will jetzt aber nicht mehr weinen. …

Das leuchtet mir ein. Ein ganzer Kronleuchter geht auf. Und tatsächlich sehe ich plötzlich ganz viele Facetten unterschiedlicher Geschichten. Eine Nuance nach der anderen kommt hinzu und vervollständigt die Bilder. Das weitet mein Herz. Ich werde toleranter. Ich sehe Vieles in einem ganz neuen Licht. Der graue Himmel fängt an zu leuchten. Meine Welt wird plötzlich ganz bunt. Wie in Farben des Regenbogens eingetaucht.

Und ich verstehe auch die beiden, die vor ca. 2000 Jahren nach Emmaus wanderten, in dieses Dorf, nicht weit von Jerusalem. Ich verstehe, dass sie den nicht erkannten, den sie da auf dem Weg trafen, bis, ja, bis ihre Augen aufgetan wurden.

„Dort in die Dunkelheit,
wo das Fensterkreuz ist,
sehe ich hin und warte,
warte,
bis endlich das Licht
aufbricht
und alles berührt.“
(Lilly Schumann, Autorin)

Frohe Ostern, und immer ein Licht auf dem Weg, wünscht Ihnen
Anja Vollendorf, Pastorin und Seelsorgerin im Verein für Innere Mission