Geistlicher Impuls zum Oktober

Des Menschen Hand

Impuls

Zu den Zeiten, als das Leben noch unmittelbar vom Ertrag der Felder abhing, dichtete
Matthias Claudius im Jahr 1783: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land…“
Dieses Lied wurde und wird bis heute zu Erntedank gesungen. Die Strophe geht dann so weiter:
„…doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“

Aber später vertrauten wir eher der Hand des Menschen als der des Himmels, und holten uns
das täglich Brot aus der ganzen Welt. Und bei Brot allein ist es nicht geblieben. Dabei ist uns das Danken
ein wenig abhanden gekommen. Wir glaubten, einzig unsere Kraft und unser Verstand seien es, was uns satt macht.

Doch langsam wendet sich das Blatt, und wir erkennen, wie die Hand des Menschen zu hoch
gegriffen hat. Es ist nicht gelungen, allen Menschen ihr täglich Brot zu sichern.
Was, wie Martin Luther es auslegte, alles ist „… was nottut für Leib und Leben wie Essen, Trinken,
Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh …“.

Es gibt keinen Grund, die Alten als fromme Romantiker zu belächeln und ihre Lieder zur Folklore zu erklären.
Sie wussten noch, was wir vergessen haben, das Vertrauen auf die Hand des Menschen reicht nicht.
Und langsam dämmert uns: Die Hand des Menschen hat das Potential zu ganz anderen Katastrophen
als mittelalterliche Missernten. Der Hochmut wird sogar noch in dem verharmlosenden Begriff „Klimawandel“ spürbar.
Wir wollen es immer noch nicht wahrhaben.

Hier wäre jetzt vielleicht stattdessen die Demut zu empfehlen. Dieses Wort macht zur Zeit
eine merkwürdige Karriere bei allerlei medialer Prominenz.
Na gut, fangen wir mit der Ehrlichkeit bei uns selbst an, probieren wir es einmal, demütig zu sein.
Das ist gar nicht so schwer. Wir müssen nur erkennen, dass nichts, was wir vom Leben erwarten
selbstverständlich ist. Dass der Zufall uns hierhin gesetzt hat. Dass es auch Moria hätte sein können.
Das würde uns bescheidener machen. Und dankbarer. Und vielleicht auch solidarischer.

Jürgen Mann