Beerdigungen in Corona-Zeiten

9. Juni 2020

Beisetzungen von wohnungslosen Menschen auf der Grabstelle des Vereins für Innere Mission auf dem Waller Friedhof sind immer etwas Besonderes. Es gibt keine Trauerfeier in der Kapelle mit Predigt, Musik und Blumenschmuck. Denn beigesetzt wird „auf Anordnung“ der Behörde. Wer auf der Straße gelebt hat, ist mittellos und hat meistens den Kontakt zur Familie verloren. Wenn niemand ausfindig gemacht werden kann, der die Kosten der Bestattung übernimmt, wird „angeordnet“: Einäscherung, Besetzung ohne Trauerfeier, anonym.

Verstorbene, die in der Wohnungslosenhilfe des Vereins betreut wurden, können auf unserer Grabstelle für Wohnungslose beigesetzt werden, und das ist dann auch nicht anonym.

Wie der Abschied normalerweise abläuft
Die Beisetzung beginnt mit einer kurzen Andacht im Urnenraum – manche stehen vor geöffneter Tür, weil der Platz nicht reicht. Dann geht es zur Grabstelle. Dort wird die Urne beigesetzt. Der Pastor spricht über dem Grab den Segen, Freunde, Weggefährten, Mitarbeitende der Wohnungslosenhilfe geben Erde, Blumen oder kleine Beigaben ins Urnengrab, dann wird es geschlossen. Danach bleibt man noch zusammen am Grab. Nach Gebet, Vaterunser und Segen kommt die Predigt unter freiem Himmel als interaktives Geschehen. Jede und jeder hat die Möglichkeit zu erzählen von den Begegnungen mit dem/der Verstorbenen. Manchmal wird ein Lied gesungen. Das kann zeitlich das Ausmaß einer Trauerfeier annehmen, nicht selten sind es 15 oder mehr Menschen, die Abschied nehmen. Den feierlichen Abschluss bildet das Anbringen des Namens an der Grabstelle. Niemand soll namenlos verschwinden, gemäß der biblischen Verheißung: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem  Namen gerufen.“ Und es gibt einen Ort, an den Freunde immer wieder kommen können, um der Verstorbenen zu gedenken.

Alles ist anders durch Corona
In Corona-Zeiten fehlt die Gemeinde, die ihre „Predigt“ hält. Die Zeit ist begrenzt, nicht mehr als eine Viertelstunde, und nicht mehr als sechs Personen. Beim ersten Mal unter diesen Bedingungen waren es außer dem Pastor nur zwei. Die vielen, die sich angesagt hatten, durften nicht kommen und warten seit Ende März auf die nachzuholende Gedenkfeier. Die soll dann am Grab stattfinden, ohne zeitliche Begrenzung, mit „Predigt“ und dem Anbringen des Namens. Und mit dem Beerdigungskaffee, den es im Anschluss auf dem Parkplatz im Beratungsmobil des Streetworkerteams gibt.

Ausschnitt Grab für Wohnungslose